Vegan, nachhaltig, plastikfrei?

Eine unserer liebsten und geschätztesten Bloggerinnen, Rosa, ernährt sich vegan, achtet aber auch auf Müll. Lassen sich Veganismus und Müllvermeidung miteinander vereinbaren? Über ihre Erfahrungen berichtet uns Rosa hier in ihrem Gastbeitrag.

Rosa

Rosa betreibt den Blog Conscious Lifestyle of Mine und schreibt dort – in Englisch oder Deutsch, aber immer super schön zu lesen – über nachhaltige Mode, Kosmetik und Ernährung, Reisen und das Leben im Allgemeinen. Vor einiger Zeit gründete sie zusammen mit ihrem Mann einen Onlineversand für vegane Lebensmittel, Whole Food Box. Zu unserer großen Freude gibt es dort auch eine Plastikfrei-Box: vegane Leckereien, ohne Plastik verpackt. Aaaah, Erleichterung, vegan und plastikfrei geht also doch zusammen! Oder?

Ich ernähre mich seit 2013 vegan. Ganz bewusst sage ich immer: Ich „ernähre“ mich vegan und nicht: Ich „bin“ vegan. Denn was ist das eigentlich: vegan sein? Es bedeutet, dass man keinem Lebewesen einen Schaden zufügen möchte und die Nutzung von Tieren ganz allgemein ablehnt (das ist jetzt meine kurze Zusammenfassung von diversen Definitionen, die alle in etwa das Gleiche aussagen). Die Gründe dafür sind jedem selbst überlassen; bei mir waren es die Themen Nachhaltigkeit und Gesundheit, die mich zu einer veganen Ernährung gebracht haben. Ich habe im September 2013 angefangen, über die gesundheitlichen Auswirkungen von Casein, Cholesterin und Co zu lesen und war gefesselt. Das Thema lässst mich bis heute nicht mehr los, und aktuelle Bücher über neue wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Ernährungslehre landen Monat für Monat auf meiner persönlichen Bestsellerliste.

Ich ernähre mich aber wie gesagt nur vegan. Ich lebe nicht vegan. Quasi aus den genau gleichen Gründen.

„Fängt man an, sich Gedanken zu machen, hört man so schnell nicht mehr auf.“

Mit dem Beginn meiner veganen Entdeckungsreise wusste ich noch längst nicht, was mich erwartet, welche Tore sich mir noch öffnen und wie sehr sich mein Lifestyle tatsächlich ändern würde. Die Ernährung ist die eine Sache und erstmal ist es ganz einfach, Käse gegen veganen Käse auszutauschen. Kuhmilch hatte ich sowieso schon lange nicht mehr getrunken und Fleisch auch nur sehr selten mal gegessen. Das war keine große Veränderung, weder für mich noch für mein Umfeld. Viele meiner Freunde bekamen es zunächst gar nicht mit, dass ich mich nun rein pflanzlich ernährte.

Fängt man aber erstmal an, sich Gedanken darüber zu machen, was man zu sich nimmt und was man konsumiert, so hört man nicht mehr so schnell auf. Ein Jahr nach meinem vegan-Start strich ich sämtliche E- und Zusatzstoffe aus meinem Leben, wieder ein Jahr später raffinierten Zucker und weißes Mehl. Dann kaufte ich nur noch Bio-Produkte. Da ich nun quasi keine verarbeiteten Produkte mehr aß, hatte ich plötzlich viel weniger Plastikmüll im Haus. Das inspirierte mich, auch in anderen Räumen meiner Wohnung Plastik auszusortieren und nach plastikfreien Alternativen zu suchen. Parallel zu dem Ganzen stieg ich komplett auf fair und nachhaltig produzierte Kleidung um und Naturkosmetik benutzte ich sowieso schon lange (als ich in etwa 18 war, las ich einen Artikel über Parabene, ging daraufhin in mein Badezimmer und schmiss restlos alles weg, was Parabene enthielt, also fast alle konventionelle Kosmetik).

Wir plädieren für die Produkte in der rechten Bildhälfte. Bild: Rosa

Seit zwei Jahren ernähre ich mich nun also vollwertig vegan (also ohne stark verarbeitete Produkte wie raffinierten Zucker, weißes Mehl etc.) und achte bei meinen Konsumentscheidungen sehr darauf, wo die Sachen herkommen, wer sie gemacht hat, unter welchen Umständen sie gemacht sind, ob sie beim Waschen evt. Mikroplastik ins Grundwasser leiten könnten, ob meine kleine Tochter sie bedenkenlos in den Mund nehmen könnte, welche Firma hinter ihnen steht, wie sie verschickt werden, wie regional sie sind, etc. etc. etc.

Bewussterer Umgang mit Produkten = mehr Nachhaltigkeit im Alltag

Ja, man kann sich da ganz schön verrückt machen. Aber das muss nicht unbedingt negativ sein. So empfinde ich das jedenfalls. Mir macht es tatsächlich eine riesen Freude zu recherchieren, wo und von wem der Rock gemacht wurde, den ich gerne hätte – und wenn ich den Rock dann habe, genau zu wissen wer ihn designt hat, wer ihn geschnitten hat, wer ihn vernäht hat und wo der Stoff herkommt, der sich so gut anfühlt. Für mich ist das ganz einfach bewusster Konsum, und bewusster Konsum führt unmittelbar zu einem bewussteren Umgang mit den Produkten, die ich besitze. Und somit zu mehr Nachhaltigkeit in meinem Alltag.

Was ist die bessere Wahl?

Trotzdem gerate ich immer wieder in Situationen, in denen ich unsicher bin, was „die bessere Wahl“ ist. Das hängt vor allem mit dem Thema Plastik, Veganismus und Komfort zusammen. Ich mag Plastik nicht. Wirklich nicht. Ich finde, Polyester-Kleidung fühlt sich furchtbar an, ich finde Plastikbrotdosen scheußlich und ich kann Frischhaltefolie genauso wenig abgewinnen wie Shampoo in Plastikflaschen (ich wasche meine Haare seit zwei Jahren mit Roggenmehl und sie waren noch nie so gesund und schön!). Aber ich mag Zahnpasta und ich mag Zahnseide. Nach etlichen Versuchen mit selbstgemachter Zahnpasta, Dentaltabs und Co habe ich mich jetzt zwar soweit ganz gut mit Zahnkreide anfreunden können, aber so ganz glücklich macht sie mich noch nicht. So steht doch immer wieder eine Tube Bio-Zahnpaste in Plastikverpackung über meinem Waschbecken. Zahnseide dagegen gibt es wunderbar ästhetisch verpackt im Glas und zum Nachfüllen – allerdings nicht vegan, sondern aus Seide und mit Bienenwachs. Tagelanges Raufen mit mir selbst sind bei solchen Entscheidungen durchaus mal die Folge: Will ich nun lieber plastikfrei oder will ich lieber vegan?

Rosa hat auch selber schon mit Zahnpasta experimentiert. Bild: Rosa

Es gibt immer eine Option, die die richtige für einen ist

Am Ende stellt sich eigentlich fast immer raus, dass es nur eine Option gibt, die mir wirklich gefällt und bei der bleibe ich hängen, egal ob sie nun weniger oder mehr nachhaltig ist. Die Zahnseide ohne Plastikverpackung habe ich also ausprobiert und in Kauf genommen, dass sie nicht vegan ist. Sie ist mir allerdings nicht fein genug und zerfusselt mir zu schnell, und so wird es also doch wieder die vegane in der Plastikverpackung werden. Ich verurteile mich nicht dafür, genauso wenig wie ich mich dafür verurteilt habe, die nicht-vegane zu nutzen. Genausowenig wie ich mich für eine Tube Zahnpaste in meinem sonst fast plastikfreien Bio-Bad verurteile.

Was nützen Verbote, wenn sie einen unglücklich machen? Alles, was ich in den letzten vier Jahren ausprobiert und in mein Leben integriert habe, habe ich aus Neugier und Freude an der Sache gemacht. Das erste Mal, als ich meine Haare mit Roggenmehl gewaschen habe, habe ich über mich selbst gelacht und gedacht: „Okay, ich mach das jetzt einmal und nie wieder.“ Und dann war ich so begeistert von dem Ergebnis, dass ich einfach weitergemacht habe. Als ich das erste Mal eine Smoothiebowl zum Frühstück gegessen habe, fand ich sie so unglaublich lecker, dass ich das Käsebrot (egal ob vegan oder nicht) nicht eine Sekunde vermisst habe. Als ich das erste Mal für 12 Personen vegan, zuckerfrei und weißmehlfrei gekocht habe, inkl. Vorspeise und Nachtisch, und alle es lecker fanden, da hab ich mich einfach gefreut und nicht eine Sekunde daran gedacht, dass man ja auch hätte Fisch essen können.

Mir scheint, das Wichtigste ist es, neugierig zu bleiben und mit Freude zu entdecken. Was einem gefällt, das behält man bei, was nicht zu einem passt, das passt eben vielleicht zu jemand anderem.

Solange man mit offenen Augen durch das Leben geht, bewusste Entscheidungen trifft und regelmäßig die einen oder anderen Glaubenssätze hinterfragt, so lange macht man doch im Großen und Ganzen alles richtig.

Denn nur wer mit Freude sein nachhaltiges Leben lebt, wird dies auch nachhaltig tun können.

Rosa Koppelmann

 

Ich brauch‘ weniger 2017: Eure ganz persönlichen Müllbilanzen

Danke! Für die vielen wunderschönen Einsendungen zum Gewinnspiel „Ich‘ brauch weniger“ 2017. Die 3 GewinnerInnen wurden ausgelost und benachrichtigt. Wie immer konnte ich selbst einiges lernen: Ihr seid nämlich Müllvermeidungsfüchse, und alle zusammen haben wir ein unendliches Wissen, so scheint mir.

Hier kommen nun einige Auszüge aus Euren Müllberichten:

Lea, die derzeit in Schweden wohnt, näht ihrer Mitbewohnerin wiederverwendbare Kaffee-Filtertüten aus Stoff. Mega interessant! „Meine Mitbewohner waren nach anfänglicher Skepsis schnell von den Vorteilen des Müllfreien Lebens überzeugt und nach und nach konnten wir gemeinsam die Müllmenge um 2/3 reduzieren und kaufen nun gemeinsam weniger verpacktes Essen und produzieren dadurch auch viel weniger Müll. Es war super schön, den direkten Einfluss kleiner Schritte zu sehen und hat mich auch ermutigt, diesem Lifestyle trotz besonderer Umstände treu zu bleiben.“

Wir bleiben international. Theodora aus Zürich schreibt: „Bambuszahnbürste, Rasierhobel, Holzhaarbürste, feste Seife, Flüssig-Shampoo (habe ich in einer alten Dr.Hauschka-Glasflasche, die ich beim unverpackt Laden nachfüllen kann mit Bio-Shampoo), Zahnpasta mache ich manchmal selber (Kokosöl, Natron, Pfefferminzöl)/ manchmal von Weleda, Stoffbinden und Organicup (Schminke und Gesichtscrème etc. habe ich immer noch von Dr. Hauschka). Ah, ich muss/will mir mit 38 leider schon/noch die 50% grauen Haare färben. Mache das mit Pflanzenhaarfarbe von Oliebe, die ich mir lose in meinem Glasbehälter bei meiner Coiffeurin kaufen kann. Dieser Lebensstil hat mein Leben absolut bereichert! Ich kann es wirklich nur empfehlen!“

Lara stellt eine fast schon philosophische Frage: „Wieso ist Brokkoli im Supermarkt immer eingeschweißt, Blumenkohl jedoch nicht?“ Sie hat gleich zu Beginn ordentlich vorgelegt: „Was es nicht unverpackt gab, haben wir nicht gekauft. So haben wir recht radikal gestartet, allerdings auch ziemlich schnell vieles vermisst. Mittlerweile machen wir Abstriche und haben ein gutes Pensum an Müll und Müllvermeiden für uns gefunden. Insgesamt hat sich vieles bei uns verändert. Viel bewussterer Konsum, nicht nur im Lebensmittel-Bereich. Wir kaufen viel mehr Second Hand als vorher, Kleidung wenn neu, dann fast nur noch von Fair Fashion Marken, machen Putzmittel, Waschmittel und bestimmte Kosmetik-Artikel selbst, haben unsere Wohnung sehr gründlich entrümpelt und richten uns viel bewusster ein. Wir umgeben uns jetzt viel bewusster mit Dingen und sind viel wählerischer in allen Lebensbereichen. Und wir sind gespannt, was als Nächstes kommt… :)“

Gleich mehrere Frauen berichteten davon, wie schwer es sei, ihre Partner davon zu überzeugen, dass es eine gute Idee sei, Müll zu vermeiden. Aber es gibt offenbar Erfolge. Beate etwa schreibt: „Inzwischen kauft auch mein Mann ganz selbstverständlich und
selbstbewusst beim Metzger, Bäcker, auf dem Markt mit Säckchen und
Blechdosen, Gläsern und Leinentaschen ein.“

Wie sie angefangen hat, Plastik zu vermeiden, davon erzählt Yara. Wie so vieles begann es im Bad: „Ich schaute mich im Bad um und hatte diese ganz unangenehme Erkenntnis, dass ich inmitten eines Plastikwaldes stehe. Und ab da änderte sich meine Wahrnehmung, wie wenn man bei einem Suchbild den Gegenstand gefunden hat und ihn ab da nicht mehr übersehen kann. Ich sehe nicht mehr unseren Käseaufschnitt, sondern dass da in viel Plastik gerade mal 5 Scheiben Käse stecken…“

Für alle, die ebenfalls noch am Anfang stehen: Melanie hat quasi eine Bedienungsanleitung zur Müllvermeidung eingeschickt: „Darüber hinaus habe ich in diesem Jahr weder Kleidung noch Schuhe für mich gekauft (Ausnahmen: 1x Wollsocken und 1x gebrauchte Kleidung). Was hilft: keine Werbung (Aufkleber am Briefkasten, keine Werbung im TV/Computer ansehen, Kataloge abbestellen), IMMER ein Stoffsackerl in der Handtasche, selber kochen und backen, Bücher ausborgen oder aus der Bücherei holen, „nein“ sagen bei Gratisgeschenken, Planung.“

Die Frage mit der Blumenerde konnte mit großer Wahrscheinlichkeit ebenfalls beantwortet werden: Man wende sich vertrauensvoll ans nächste Kompostierwerk, denn dieses bietet vielleicht Erde zum Selbstabfüllen an. Leider ist die Erde dann nicht einhundertprozentig frei von dem Plastik, dass manche Menschen mit in den Biomüll schmeißen, aber einen Versuch ist diese Option Wert. Auskunft darüber, wo sich das nächste Kompostierwerk befindet, erteilt sicher Euer kommunaler Entsorgungsbetrieb.

Da, so weit ich weiß, auch mein regionales Kompostierwerk in Singen Erde abverkauft, bin ich guter Hoffnung für meine nächste Balkonsaison. Fürs Bier (Ploppverschluss statt Kronkorken) habe ich einen Tipp bekommen, da gibt’s hier nämlich noch eins, was näher gebraut wird als das Wulle aus Stuttgart. Vielleicht bleibe ich aber doch bei meiner Mischung „Biere aus der Region, ob nun mit Kronkoren oder ohne“. Und auch meinen Butter-Vorsatz habe ich schon umgesetzt. Seit meinem Blogeintrag kaufe ich meine Butter tatsächlich von meinem Käsemann. Es ist eine schöne Butter, und wir sind sehr glücklich miteinander.

Weiter so, liebe Kolleginnen und Kollegen! Es wäre gelacht, wenn wir das Müllproblem nicht gelöst kriegten.

Ich brauch‘ weniger 2017: 3 monomeer-Gutscheine zu gewinnen!

Wer schon eine Weile verfolgt, was monomeer so tut und macht, die oder der weiß: Immer wenn monomeer-Inhaberin Susan einen Gelben Sack gefüllt hat, wird nicht nur ne Flasche Bier aufgemacht, sondern es kommen auch 3 monomeer-Gutscheine à 50 Euro zur Verlosung.

Das ist ungefähr einmal im Jahr der Fall. So auch neulich wieder. Wobei ich dieses Jahr etwas geschummelt habe, denn eigentlich ist es mein zweiter Gelber Sack. Und das kam so: Meinen Gelben Sack nehme ich als Anschauungsexemplar gern mit auf Vorträge, ganz nach dem Motto: Sooo viel Müll verbrauche ich (dass Leute wie Shia Su, Bea Johnson und Lauren Singer im Gegensatz zu mir statt einem Gelben Sack nur ein Einweckglas pro Jahr an Müll erzeugen, erwähne ich einfach nicht).

Wir sprechen hier von dem Gelben Sack im Vordergrund, wohlgemerkt.

Im März fuhr ich also samt Gelbem Sack in die Schweiz, um einen Vortrag zu halten. Nach dem Vortrag stellte ich den Gelben Sack im Foyer ab, natürlich um ihn wieder mit nach Hause zu nehmen. Allerdings hielt ihn eine Putzkraft – und damit lag er/sie natürlich nicht ganz falsch – für Müll. Groß war mein Schreck, als der Gelbe Sack plötzlich nicht mehr da war. Denn nicht nur wird in der Schweiz genauso wenig recycelt wie in Deutschland (lediglich beim PET sind die EidgenössInnen vorbildlich), auch hätten noch eins bis zwei Monate Müll reingepaßt. Zu diesem Zeitpunkt, im März, hatte ich den Gelben Sack schon ein Jahr, und ich war dabei, meinen eigenen Rekord zu brechen. Nun, der Gedanke zählt. Sagte ich mir und fing an, einen neuen Gelben Sack zu füllen.

Selbstversorgung ist nicht plastikfrei

Leider hielt der nun nur ein halbes Jahr. Ich bin etwas erschüttert. Was ist passiert? Nun, zum einen habe ich im Frühjahr ziemlich viel Erde für meinen Balkon benötigt und dafür große 40-Liter-Säcke gekauft (die in meinem eigenen Laden waren eindeutig zu klein!). Um meine Ernte Richtung Selbstversorgung zu steigern, legte ich mir nicht nur 7 Kübel mit etwa 20 Litern Fassungsvermögen für Tomaten, Zucchini und Kürbis zu, sondern auch etliche kleinformatige für Salat, Erbsen, Bohnen, Physalis, Möhren, Kohlrabi und Schlangengurken. Mal ehrlich, das war alles sehr lecker. Hat aber nicht annähernd zur Selbstversorgung gereicht und mir, durch die selbst in gefaltetem Zustand arg voluminösen Erdebeutel, meine Müllbilanz vermiest. Wie ich meine große Lust am Balkongärtnern mit diesem Mülldebakel im kommenden Jahr zusammenbringen werde – ich weiß es noch nicht. Derzeit überlege ich, ob sich gebrauchte Erde mit einer Ladung Kakao-Dünger und einem Schuss saftig-nährstoffreichem Kompost zu einer zweiten High-Performance-Saison überreden lassen würde.

Was ist noch so in meinem Wertstoffmüll?

Und sonst so? Meine müllerzeugendste Neurose sind und bleiben einfach meine Kontaktlinsen. Die Kontaktlinsen selbst und deren Verpackung, vor allem aber die Flaschen mit Aufbewahrungslösung sind in meinem Gelben Sack quantitativ eine große Nummer.

Gestehen muss ich zudem, dass ich mich mit meinem Chips-Konsum nicht mehr so zurückhalte wie in früheren Jahren. Zwar versuche ich, der Knusperlust mit Popcorn (aus Popcornmais aus dem Unverpackt-Laden) sowie mit Chips aus Grünkohl oder Parmesan entgegenzuwirken, aber manchmal sind richtig schlechte Supermarkt-Chips und ne Flasche Bier einfach eine saugute Aussicht für den Abend.

Nicht zu unterschätzen sind zudem die Plastikeinlagen aus Pralinenschachteln, von denen ich von meinen Eltern immer zugesteckt bekomme. Den letztendlichen Garaus machte mir bzw. dem Gelben Sack vor einigen Tagen aber ein Riesenwust aus nicht wiederverwendbarer und zigmal mit Plastikklebeband umwickelter Knister- und Stretchfolie, in den meine neue, leider nur online auffind- und kaufbare Holz(!)-Einholmleiter eingewickelt war.

Zu guter Letzt in Listenform noch der weitere Inhalt meines Gelben Sackes:

  • Konservendeckel. Als Gewürzgurkenjunkie bin ich mir nicht sicher, wie ich das vermeiden kann. Zwar gibt es lose Gurken auf dem Wochenmarkt oder auch in manchen Supermärkten, aber bis jetzt habe ich noch nicht so die Notwendigkeit gesehen, umzusteigen. Vielleicht ja in Zukunft bei jedem zweiten Gurkenschmaus?
  • Kronkorken. Hm, eigentlich könnte ich Bier kaufen, das einen Ploppverschluss hat (in meinem Fall wäre das Wulle-Bier aus Stuttgart, mit 180 km Anreise). Den gibt man ja einfach mit zurück. In den meisten Fällen entscheide ich mich dann doch für das ultraregionale Bier aus 3 Kilometer Entfernung (das heißt bei uns Ruppaner) oder für Tannenzäpfle aus dem Schwarzwald (ca. 100 Kilometer weit weg). Das trägt allerdings zusätzlich noch eine Alumanschette um den Flaschenhals.
  • Ebenso ein Thema: Das Alu-Papiergemisch, in dem Butter eingewickelt ist. Die aktuellen Butterpreise sind mir Anlass und Erinnerung, zukünftig etwas zu tun, was ich schon seit langem hätte tun sollen: nämlich zu loser Bergbauernbutter vom Wochenmarkt zu greifen.
  • Die Alufolie aus Schokoladenpackungen. Ja, Alu ist genauso wie Plastik ein Umweltschwein. Die Recyclingquote bei Alu beträgt jedoch sagenhafte 87,7 %, sodass ich dann doch immer Schokolade kaufe, die innen Alu und kein Plastik hat. Die Lösung wäre lose Schokolade, die hier in Konstanz bei einem Schweizer Luxus-Chocolatier oder in Form von handgefertigten Pralinen einer Konditorei erhältlich ist. Beides ist weder fair noch bio und leider sehr teuer (auch wenn der Preis für dieses hervorragende Handwerk durchaus angemessen ist).
  • Altlasten habe ich dagegen kaum noch: Zwar habe ich in der Tat noch einige Kosmetikprodukte (Einwegrasierer, 2 Handcremes, 1 Haar-Glanz-Dingens, 1 Lippenpflege) aus der Zeit vor meinem plastikfreien Leben – und das ist immerhin schon 4 Jahre alt. Der Großteil ist aber inzwischen aufgebraucht und durch plastikfreie Alternativen ersetzt (Shampoo, Zahnpflege, Deo, Peeling, Körperpflege, Gesichtspflege), wird mit müll-/plastikarmen Produkten umgangen (Lidschatten, Rouge), wurde ersatzlos gestrichen (Nagellack, Haarfestiger, Haarfarbe) oder bleibt leider aus Plastik (Wimperntusche).

Das Gewinnspiel

Soweit also meine Bilanz. Den aktuellen Gelben Sack möchte ich erst in einem Jahr vor die Tür stellen müssen – frühestens. Und dafür werde ich schauen, was ich noch vermeiden kann.

Wie sieht es bei Euch aus? Was sind Eure nächsten Ziele beim Müllvermeiden? Seid Ihr am Anfang oder schon fortgeschritten? Worauf möchtet Ihr in Zukunft verzichten – und wo drückt Ihr ein Auge zu?

Schickt bis zum 10. Dezember ein paar Zeilen über Eure Müllerlebnisse und -gedanken an info*at-monomeer.de. Ich werde meinen finnischen Nachbarn bitten, aus dem Lostopf 3 GewinnerInnen zu ziehen, die jeweils einen monomeer-Gutschein im Wert von 50 Euro erhalten. Eine Auswahl der Einsendungen wird zusammen mit dem Vornamen hier im Blog veröffentlicht. Viel Spaß beim Mitmachen und viel Glück!

Wir haben den Guppyfriend getestet und: Wir verlosen 3!

Hach, wie lange haben wir auf diesen Moment gewartet. Die Guppyfriends sind da! Naja, noch nicht ganz. Noch sind sie sehr selten käuflich zu erwerben, was sich aber hoffentlich bald ändert – und dann gibt es sie natürlich auch bei monomeer.  Aber sie haben zumindest schon mal das Licht der Welt erblickt. Wir haben im Rahmen der Crowdfunding-Kampagne von den Machern des Guppyfriends als Reward einige Exemplare erhalten und verlosen drei Stück davon. Mehr dazu weiter unten im Post.

Das isser, der Guppyfriend.
Das isser, der Guppyfriend.

Der Guppyfriend, erklärt

Was ist der Guppyfriend eigentlich? Ganz einfach: ein Wäschenetz. Und zwar eins, das verhindert, dass Mikroplastikfasern, die sich bei der Wäsche aus der Kleidung lösen, ins Abwasser gelangen. Man legt die Kleidungsstücke mit Synthetikanteil in das Netz, zieht den Reißverschluss zu und gibt es ganz normal mit in die Wäsche. Nach der Wäsche entnimmt man die Kleidung, wirft einen Blick in den Guppyfriend, schaut, ob Mikroplastikpartikel drin sind, liest diese mit der Hand aus dem Netz und entsorgt sie dann im Restmüll.

Der Guppyfriend in Aktion. Bild: Guppyfriend.
Der Guppyfriend in Aktion. Bild: Guppyfriend.

Der Guppyfriend – was kann der so?

Also, wir haben den Guppyfriend natürlich getestet, und hier kommen unsere ersten Ergebnisse:

1. Er selbst und die Kleidung kamen heil aus der Waschmaschine. Die Kleidung innerhalb und außerhalb des Guppyfriends war sauber, und die anderen Kleidungsstücke, die sich sonst noch so in der Trommel befanden, hatten keinen Schaden genommen. Der Reißverschluss ist so clever konstruiert, dass das Metallstück, mit dem man den Reißverschluß zuzieht, unter einer textilen Lasche verschwindet, sodaß er sich nirgendwo verhaken kann.

2. Der Guppyfriend ist zwar ordentlich groß, aber eine ganze Maschinenladung paßt nicht hinein. Zudem soll der Guppyfriend nur halb voll gemacht werden. Man kann ihn einer Waschladung also lediglich beigeben, aber diese nicht komplett mit ihm bestreiten. Quatsch wäre es, deshalb halbvolle Waschmaschinen anzuschmeißen. Aber das muß man ja auch nicht. Bei jedem Waschgang hat man sicher sowohl Kleidung, die aus natürlichen Materialien, und solche, die (auch teilweise) aus synthetischen Materialien besteht.

3. Nach Herstellerangaben soll der Guppyfriend nur mit Flüssigwaschmitteln benutzt werden – sicherlich deshalb, weil grobkörnigeres Pulver nicht so gut durch das engmaschige Netz durchgeht. Wir haben aber Waschpulver verwendet und hatten keine Probleme damit.

4. Bei der Kleidung, die wir gewaschen haben, sind so wenig Fasern angefallen, dass es keinen Sinn ergeben hätte, sie aus dem Netz zu klauben (ein Outdoor-Fleece gehörte zum Beispiel nicht zu unserem Waschgang).

Die Fasern sammeln sich hauptsächlich am Saum und in den Ecken des Netzes. Wie der Einsammelvorgang bei einer größeren Menge Fasern aussieht, darüber können wir nur spekulieren. Sicherlich sollte man vorsichtig sein, um auf dem Weg vom Guppyfriend zum Mülleimer nicht die Hälfte zu verlieren.

5. Nicht gut wäre es, den Guppyfriend dann auch noch auszuschütteln oder auszuspülen. Am besten belässt man nach dem Absammeln alles so, wie es ist, zieht den Reißverschluss zu, hängt das Netz mit auf die Leine und verstaut es später im Schrank.

6. Der Guppyfriend ist selbst auch aus Plastik, aus Polyamid nämlich. Soweit wir wissen, haben die Erfinder des Guppyfriends lange an einem Material getüftelt (bzw. tüfteln lassen), das sowohl die Mikroplastikfasern zurückhält als auch Wasser durchläßt. Alles andere wäre ja doof. Nach Angaben des Herstellers schafft der Guppyfriend es, 99% der bei der Wäsche entstehenden Fasern zurückzuhalten. Wir haben nach einigen Wäschen den Eindruck, dass die Umsäumung etwas ausfasert, was natürlich kontraproduktiv wäre. Die Mädels und Jungs von Guppyfriend haben uns gegenüber aber schon angekündigt, kontinuierlich an der Verbesserung des Guppyfriends zu arbeiten und festgestellte Mängel bei jeder neuen Charge auszubügeln.

Mikroplastikfasern aus der Wäsche einer Outdoorjacke. Bild: Patagonia
Mikroplastikfasern aus der Wäsche einer Outdoorjacke. Bild: Patagonia

Und warum das ganze nochmal?

Also, werden synthetische Kleidungsstücke gewaschen, verlieren sie mehrere Tausend kleine Fasern. Die Angaben, wieviel genau, variieren je nach Studie und je nach Kleidungsstück, aber fest steht: Die kleinen Fasern wandern durch die meisten Waschmaschinenfilter und durch die Filter der Kläranlagen durch, gelangen so in den Wasserkreislauf und schließlich in die Natur.

(Übrigens verlieren auch Naturstoffe Fasern – nur sind die dann biologisch abbaubar.)

Mikroplastik ist eines der größten Umweltprobleme, das wir derzeit haben – und noch für viele Jahrzehnte und Jahrhunderte haben werden. Insofern ist der Guppyfriend eine Revolution: Wenn er flächendeckend eingesetzt und richtig verwendet wird (und natürlich funktioniert), ist er eine wichtige Lösung für das Problem des Mikroplastiks aus synthetischer Kleidung – wenn auch nur eine Zwischenlösung, wie die Macher von Guppyfriend selbst betonen.

Was man nämlich noch machen kann:

1. Generell auf den Kauf und die Nutzung von synthetischer Kleidung verzichten. Synthetische Fasern sind zum Beispiel Polyester, Elasthan, Polyamid, Acryl und Nylon. Also einfach ins Etikett des Kleidungsstücks schauen! Zu den Naturfasern gehören Wolle, Baumwolle, Seide (für VeganerInnen: es gibt auch Pflanzenseide), Hanf, Bambus oder sogenannte Regeneratfasern wie Viskose, Modal und Lyocell. Vorsicht vor versteckten Kunstfasern: Oft sind etwa Spitze und Tüll an Unterwäsche aus Kunstfaser. Und bitte auch bei Bio-Kleidung darauf achten, dass möglichst wenig Elasthan enthalten ist.

2. Es ist dann leider auch nicht sinnvoll, Kleidung aus recyceltem Polyester oder synthetische Second-Hand-Kleidung zu kaufen. Ist trotzdem Plastik, nöch.

3. Vorhandene synthetische Kleidung entweder entsorgen (ja, leider!), mit dem Guppyfriend waschen, aber einfach auch weniger waschen. Vielleicht genügt es, das Kleidungsstück auszulüften? Auch ein Durchspülen per Hand ist schonender für die Wäsche und löst weniger Fasern aus.

Und jetzt zum Gewinnspiel

Na endlich. Das ist ganz einfach. Schreibt einfach bis zum 26. Juni eine Email an info-at-monomeer.de und hinterlasst Eure Postanschrift. Unser finnischer Nachbar zieht dann die drei Gewinner aus dem Lostopf. Viel Glück!

Mikroplastik: Was ist das? Und was kann man da machen?

– Zusammenfassung am Ende des Artikels –

Herzlich willkommen zum monomeer-Schwerpunktthema des Jahres 2017: In den kommenden Monaten wird es bei uns immer mal wieder um Mikroplastik gehen. Singende Kunstfiguren wie Taylor Swift sind damit übrigens nicht gemeint. Als Mikroplastik werden all jene Plastikteilchen bezeichnet, die kleiner als 5 Millimeter sind. Konfetti-Größe ungefähr – oder eben kleiner. So klein teilweise, dass man schon ein Mikroskop zu Hilfe nehmen muss, um noch etwas erkennen zu können. Und das ist schon ein Teil des Problems von Mikroplastik. Aber der Reihe nach. Hier erstmal ein kleiner Crashkurs.

Primäres oder sekundäres Mikroplastik?

Wenn von Mikroplastik die Rede ist, hört man des öfteren von primärem und sekundärem Mikroplastik. Das könnte man jetzt als arg speziell und als Haarspalterei abtun, a.k.a. Apfel oder Birne, egal, ist doch beides Obst? Mit den beiden Begriffen ist man aber schon bei der Frage nach des Pudels Kern: Wo kommt das bitteschön her?

Primäres Mikroplastik bezeichnet all jenes Mikroplastik, das in einer Größe von weniger als 5 Millimeter hergestellt wird. Es hat sich also jemand bewusst überlegt: Lasst uns mal ganz kleines Plastik produzieren. Wer würde denn so etwas tun, fragt Ihr Euch? Nun, zum Beispiel die Kosmetikindustrie: Sie setzt Körper- und Gesichtspeelings oder dekorativer Kosmetik Plastikkügelchen oder flüssiges Mikroplastik zu, um unsere Haut schön glatt zu machen. (Es geht also nicht um die Verpackung, sondern um das, was drin ist!) Aber auch die Plastikpailletten fürs Faschingskostüm oder minikleine Teile etwa für Spielzeug (etwa in Kinder-Überraschungseiern) sind primäres Mikroplastik. Es wird so und in dieser Größe von Herstellern in die Welt gesetzt. Es handelt sich also um beabsichtigtes Mikroplastik.

Ein Gesichtspeeling und das aus 50 Milliliter extrahierte Mikroplastik. Da die Tube 200 Milliliter beinhaltet, muss man die Menge der grünen Kugeln mal vier rechnen.
Ein Gesichtspeeling und das aus 50 Milliliter extrahierte Mikroplastik. Da die Tube 200 Milliliter beinhaltet, muss man die Menge der grünen Kugeln mal vier rechnen. Der verwendete Kunststoff ist in diesem Fall Polyethylen (PE).

Sekundäres Mikroplastik bezeichnet dagegen all jenes Mikroplastik, das kleiner als 5 Millimeter ist, aber das eher unabsichtlich. Wenn Plastik in die Umwelt gelangt und dort zerrieben wird oder durch UV-Einwirkung zerbröselt, wird es nach und nach immer kleiner. Die Plastikflasche im Meer, der Styropordeckel auf der Müllhalde – nach etlichen Jahren und Jahrzehnten mechanischer und chemischer Umwelteinflüsse wird jedes große Plastikteil nach und nach zerfallen. Auch wenn wir in unserem Alltag Plastik benutzen und dadurch natürlich auch ab-nutzen, verursachen wir Mikroplastik – minikleine Plastikteile, die entstehen, wenn wir mit der Gabel in der Teflonpfanne oder in der Tupperdose herumfuhrwerken, der Abrieb unserer Schuhsohlen auf der Straße, oder Fasern, die sich bei der Wäsche aus synthetischer Kleidung lösen – all das ist sekundäres Mikroplastik. Es handelt sich um unbeabsichtigtes Mikroplastik.

Primär oder sekundär: Doof ist beides.

Nach dieser kleinen Einführung in das Mikroplastik-Vokabular kommen wir zum Kern der Sache. Warum ist Mikroplastik ein Problem? Schauen wir uns dazu kurz den Lebenskreislauf des Mikroplastiks an. Nehmen wir etwa Bettina, ein kleines Mikroplastikkügelchen aus dem Gesichtspeeling, und Klaus, eine Polyester-Faser aus einem Outdoor-Fleece.

Beide werden mit dem Abwasser in die Kläranlage gespült. Klaus konnte auch der Filter der Waschmaschine nicht aufhalten, so klein ist er. Beide schaffen es sogar locker durch die Kläranlage, denn selbst hochmodernen Anlagen gelingt es in den meisten Fällen nicht, Mikroplastik in der Größe von Bettina und Klaus herauszufiltern. Beide gelangen mit dem vermeintlich geklärten Wasser also wieder in den Wasserkreislauf, in Bäche, Flüsse, Seen und Meere, sowie auf Felder und Wiesen.

Mikroplastik wurde mittlerweile überall nachgewiesen: in allen untersuchten europäischen Binnengewässern etwa, in den Ozeanen sowieso. Und auf entlegenen Bergketten auch. Man vermutet, dass Mikroplastik auch verweht, also durch Wind überallhin verteilt wird.

Der Weg der kleinen Kunststoff-Kügelchen aus Kosmetika ("microbeads") - vom Bad zur Bahre.
Der Weg der kleinen Kunststoff-Kügelchen aus Kosmetika („microbeads“) – vom Bad ins Meer.

Mikroplastik gelangt in die Nahrungskette

Einmal in einem Gewässer angelangt, wird Mikroplastik automatisch zu Futter für die dortigen Lebewesen: Muscheln, die Wasser ansaugen, um sich zu ernähren, nehmen unweigerlich Mikroplastik auf und scheiden dieses auch nicht mehr aus.

Von den Feldern gelangt Mikroplastik über die Kapillaren in die Pflanzen – es wurde beispielsweise schon in Getreide gefunden.

Größere Lebewesen scheiden Mikroplastik zwar wieder aus (wie auch der Mensch, wenn er Plastik „essen“ würde), doch hier greift Teil 2 des Problems. Denn Mikroplastikpartikel funktionieren wie kleine Gift-Staubsauger. In der Umwelt bereits vorhandene Chemikalien, Gifte und Erreger docken bevorzugt an Mikroplastikteilchen an. Zudem setzt Plastik bei seinem Zerfall die Stoffe frei, die zu seiner Herstellung verwendet wurden: Weichmacher, UV-Schutzmittel, Flammschutzmittel und Farbstoffe etwa. Wo das Mikroplastik auch hinwandert, es nimmt eine kleine Ladung an schädlichen Substanzen mit. Gerne auch in unsere Körper.

Unser Fazit: Mikroplastik ist neben dem Klimawandel das größte Umweltproblem unserer Zeit

Mikroplastik ist überall – und für uns doch so weit weg. Denn wir sehen es nicht. Genau wie der Klimawandel handelt es sich bei Mikroplastik um eine Art fiktives Problem, dessen Existenz und erst recht dessen Folgen unsere Vorstellungskraft übersteigt. Was auch immer wir tun – egal ob wir nun Mikroplastik in die Welt setzen oder es vermeiden –, wir spüren keine unmittelbaren Folgen unseres Handelns.

Die Dimensionen des Problems Mikroplastik sind ähnlich denen des Klimawandels: Selbst wenn wir heute anfangen, unser Verhalten radikal zu ändern, werden uns die Konsequenzen unseres bisherigen Tuns noch jahrzehnte- und jahrhundertelang begleiten. Wir haben nicht erst gestern begonnen, Plastik zu verwenden. Wir tun dies seit mehr als 50 Jahren, und zwar in industriellem Maßstab. Das Plastik ist bereits überall. Und es geht dort nicht mehr weg. Es zerfällt nur immer weiter, aber es verrottet nicht.

Mikroplastik punktet nicht

Was kann jeder von uns tun?

Wenn wir heute unser Verhalten radikal ändern, sind die Ozeane in den nächsten Jahrzehnten dennoch voller Plastik. Und unsere Seen, Flüsse und Bäche.

Doof nur, dass wir unser Verhalten heute nicht ändern. Morgen ist ja auch noch ein Tag. Heute müssen wir uns noch dies und jenes kaufen. Aber wir können ja trotzdem mal anfangen, oder? Gerne auch heute schon. Es eilt nämlich. Vielleicht wird das Plastik in 50 Jahren dann schon wieder weniger auf der Erde. Dann hätten immerhin unsere Kinder etwas davon.

Die Please-Do-Liste zum Mikroplastik-Vermeiden

  • Plastik nicht in die Gegend werfen, sondern ordentlich entsorgen. Herumfliegendes Plastik bitte aufheben – und, Ihr ahnt es schon, ebenfalls ordentlich entsorgen. Du wohnst in der Nähe eines Gewässers? Vielleicht findet eine Müllsammelaktion am Ufer statt, an der Du Dich beteiligen kannst. Oder Du startest selbst eine.
  • Um Himmels Willen keine Kosmetik mehr kaufen und benutzen, die Mikroplastik enthält. Welche das ist? Das sagen uns die erschreckend lange Negativ-Liste des BUND oder die Codecheck-App. Bio-zertifizierte Kosmetik enthält nach gegenwärtigem Stand schon aus Prinzip kein Mikroplastik.
  • Sonst heißt es ja immer: Plastik bitte noch verwenden, bis es nicht mehr geht. Aber das ist ein Sonderfall: Bitte Kosmetikprodukte mit Mikroplastik nicht mehr aufbrauchen, sondern sofort im Restmüll entsorgen. Jedes Kügelchen Plastik, das jetzt noch in die Umwelt gelangt, ist eines zu viel.
  • Genauso wichtig: Keine Kunstfaserkleidung mehr kaufen. Kunstfasern gelangen über das Waschwasser in die Umwelt und werden nicht von Kläranlagen herausgefiltert. Zu den Kunstfasern gehören etwa Polyester, Polyamid und Elasthan. Stattdessen: Bitte nur noch Kleidung aus Baumwolle oder anderen natürlichen Fasern wie Wolle, Seide (für VeganerInnen: es gibt auch Pflanzenseide), Hanf, Bambus oder sogenannten Regeneratfasern wie Viskose, Modal und Lyocell. Vorsicht vor versteckten Kunstfasern: Oft sind etwa Spitze und Tüll an Unterwäsche aus Kunstfaser. Und bitte auch bei Bio-Kleidung darauf achten, dass möglichst wenig Elasthan enthalten ist.
  • Derzeit entwickeln die Mädels und Jungs von Langbrett den Guppy-Friend, einen Wäschesack, der feinste Kunstfasern aus der Wäsche herausfiltern soll. Bis es soweit ist: Bitte auch keine Kunstfaserkleidung mehr waschen. Klingt irre, aber wie bei der Kosmetik gilt: Jede Faser aus Plastik, die in die Umwelt gelangt, ist ab diesem Zeitpunkt eine zu viel. Die Guppy-Friends sollen bald in den Handel kommen, Kunstfaser-Kleidung also vielleicht einfach für ein paar Monate in die hintere Ecke des Schranks verbannen. Oder entsorgen.
  • Und ganz ehrlich? Schuhe mit Kunststoffsohle können wir, so wie es aussieht, einfach nicht mehr tragen. Auch wenn sie obenrum bio sind. Das, was man abläuft (was man ja immer ganz gut sieht, wenn nach einer Weile die Sohlen etwas schräg und schief werden), landet auf Straßen, Feld- und Waldwegen, am Strand. Alternativen sind Schuhe, die Sohlen aus Naturkautschuk haben. Empfehlenswerte Marken sind hier etwa ekn footwear, Ethletic oder Langbrett (jeweils noch mal das einzelne Modell prüfen, denn es wird auch mit Recyclingplastik gearbeitet).
  • Da gerade das Stichwort „Recycling-Plastik“ fiel: So sehr wir es schätzen, wenn Kunststoff zu Kleidung recycelt wird – das Mikroplastik-Problem wird dadurch nicht gelöst. Sobald Kleidung aus Plastik besteht, werden bei der Wäsche fiese Fasern abgelöst, die ins Wasser gelangen. E basta. Auch Recycling-Plastik ist Plastik. Baumwollfasern wandern natürlich auch ins Wasser, sind aber biologisch abbaubar.

Zusammenfassung

  •  Mit dem Begriff ‚Mikroplastik’ bezeichnet man Plastikpartikel, die kleiner als 5 Millimeter sind. Sie werden entweder in dieser Größe oder kleiner hergestellt (primäres Mikroplastik) oder entstehen durch Abrieb oder Zersetzung (sekundäres Mikroplastik).
  • Mikroplastik gelangt über das Abwasser oder durch unsachgemäße Entsorgung in die Umwelt und von dort in den Wasserkreislauf und in die Nahrungskette.
  • Mikroplastik bindet und transportiert Umweltgifte.
  • Mikroplastik wurde inzwischen weltweit in der Umwelt nachgewiesen.
  • Wir sollten darauf achten, Mikroplastik zu vermeiden, etwa indem wir Kosmetik mit Mikroplastik und Kleidung aus Kunstfasern nicht kaufen und verwenden und Plastikmüll immer gut entsorgen.

Zum Weiterlesen, -gucken und -machen

Versand in benutzten Verpackungen bei monomeer – Wie funktioniert das?

Wir alle merken es zu Hause: Irgendwie schmeißen wir doch viel mehr Kartons und Kisten weg als früher. Während man früher froh war, wenn mal jemand ein Päckchen schickte (denn dann handelte es sich meistens um ein Geschenk), flattern heute ständig Kartonagen ins Haus. Klar, der Versandhandel. Wir bestellen immer mehr im Internet.

Der Verbrauch von Papierverpackungen im Versandhandel hat von 2000 bis 2012 um 75 Prozent zugenommen, sagt das Umweltbundesamt. Und auch wenn es sich bei Pappe nicht um Plastik handelt, sondern ja irgendwie um „guten“ Müll, der einfach entsorgt und recycelt werden kann, produzieren wir hier eine ganz schöne Schweinerei. Denn auch Pappe – ob nun Recyclingmaterial oder Frischfaser – verbraucht bei ihrer Herstellung wertvolle Ressourcen.

Logisch, dass wir da mal einen Schritt weitergedacht haben: Jeder Karton und jedes Füllmaterial, das mehrfach verwendet wird, minimiert diesen Ressourcenverbrauch. monomeer versendet daher nun auf Wunsch auch in benutzten Verpackungsmaterialien.

Wie funktioniert das? Die wichtigsten Infos sind hier einmal zusammengestellt:

  • Der Versand in einer benutzen Verpackung erfolgt nicht automatisch. Im Kassenbereich des Shops kann man ein Häkchen setzen, wenn man seine Bestellung in benutzten Materialien erhalten möchte. Wenn man das Häkchen nicht klickt, wird ein neuer Karton (natürlich plastikfrei und aus Recyclingmaterial) verwendet.
  • Auch die gebrauchten Versandmaterialien sind plastikfrei. Kartons mit Plastikklebeband etwa verwenden wir nicht, und entfernen dieses auch nicht, um es dann durch Papierklebeband zu ersetzen. Es kommen nur solche Kartons in den Versand, die schon immer mit einem Papierklebeband verklebt waren.
  • Die Kartons mit Papierklebeband sind halt leider eine rare Spezies. Daher kann es schon mal vorkommen, dass keine passenden benutzten Kartons vorrätig sind. Wir versenden dann in einem neuen Karton.
  • Anders verhält es sich mit dem Füllmaterial: Das flattert uns öfters in plastikfreier Recyclingqualität ins Haus, sodass wir dieses auch meistens vorrätig haben.
  • Übrigens: Bis zu einem Warenwert von 75 Euro werden 50 Cent von den Versandkosten abgezogen, wenn Ihr den Versand mit benutzten Materialien wählt. Da der Versand über 75 Euro ohnehin kostenlos ist, werden diese 50 Cent dann aber nicht extra angerechnet.

Noch Fragen, Kienzle? Aber gerne doch: Einfach eine Email an info “ monomeer.de schreiben.

Gewinnspiel Ich brauch‘ weniger 2016 Edition: Eure Einsendungen

Vielen Dank an alle, die sich an der 2016 Edition des Gewinnspiels „Ich brauch‘ weniger“ beteiligt haben. Wie die Einsendungen gezeigt haben, brauchen viele von Euch tatsächlich weniger – sie sparen Plastik wie die Weltmeister, vermeiden Müll an allen Ecken und Enden und tragen so ihr Scherflein zum Wohlergehen unseres guten Planeten Erde bei.

Hier nun eine Auswahl der vielen Einsendungen:

Franziska: Inzwischen hält mich mein Freund für einen radikalen Hippie

„Ich versuche seit ca. einem halben Jahr meinen Plastikmüll zu reduzieren. Hierfür habe ich vor allem meine Badezimmerroutine umgestellt. Inzwischen benutze ich zum Duschen Seife und zum Waschen meiner Haare Lavaerde. Auch auf Bodylotion verzichte ich, stattdessen verwende ich Sesamöl. Meinen Einkauf erledige ich hauptsächlich auf Wochenmärkten und hin und wieder im verpackungsfreien Laden, dadurch spare ich sehr viel Plastik ein.

Die meisten Plastikutensilien habe ich aus meiner Küche verbannt und über Ebay verkauft. Zusätzlich werde ich diesen Sommer aussortierte Gegenstände auf dem Flohmarkt verkaufen. Inzwischen hält mich mein Freund für einen radikalen Hippie, hat allerdings auch alle Plastikschalen aus seiner Küche verbannt…J Ich sehe das als Teilerfolg.“

Wir sagen: Radikaler Hippie, das ist doch eine ganz wunderbare Liebeserklärung?!

Andrea: Plastikfreie Kleidung ist die Königsdisziplin

„Rückblickend war der Anfang einfach. Die Umstellung auf den Einkauf ohne Plastik – kein Problem mit ein bisschen Suchen und Anpassen. Schon schwieriger: Die Körperpflege und das Putzen ohne Plastik. Aber auch das war nach einiger Zeit des Lernens durchaus machbar. Creme mache ich jetzt selbst und unser Vollwaschmittel und die Reinigungsmittel auch.

Inzwischen bin ich allerdings bei plastikfreier Kleidung angekommen, denn irgendwann geht alles so nach und nach kaputt. Und ich muss sagen, für mich ist es die (bisherige) Königsdisziplin. Schwierig, sehr schwierig. Vor allem, wenn’s nicht nur plastikfrei, sondern auch aus Biobaumwolle sein soll und das Leder – bittschön – pflanzlich gegerbt Wenn man dann endlich den fast (!) plastikfreien Biobaumwoll-BH gefunden hat und der kommt in der Plastikhülle, dann ist das Triumphgefühl über den Findling groß und die Hülle fast nebensächlich. Trotzdem sollte das in Zukunft besser laufen.

Meine letzten Errungenschaften: Eine Jogginghose aus reiner Bio-Merinowolle (endlich kann die 15 Jahre alte Plastikhose in Rente gehen) und Haarbänder ohne Plastik aus Biobaumwolle und Naturkautschuk (kamen in Papier verpackt!). Da habe ich fast ein Jahr nach gesucht. So ein Glück, dass es Menschen gibt, die so etwas herstellen!“
Wir sagen: Haarbänder ohne Plastik aus Biobaumwolle und Naturkautschuk? Yeah! Bitte gern die Einkaufsquelle verraten.
Thomas: Lego wird bleiben

Die nächsten Herausforderungen werden das Spielzeug meines Sohnes und Kleidung sein. Das einzig Gute was ich zu dem Thema sagen kann, dass ich nur wenige Klamotten habe und diese bis zum Auseinanderfallen trage.

Beim Spielzeug ist es ähnlich. Es gibt wenig Holzspielzeug und viele Dinge aus Kunststoff. Playmobil wird aber bleiben. So konsequent bin ich dann doch nicht.

Außerdem werde ich versuchen bestimmte Dinge selbst zu machen. Müsli, Nudeln, Brot, Spülmittel gehören dazu. Dieses Selbstmachen ist in der heutigen Zeit fast verschwunden.

Wir sagen: Plastikvermeiden soll auch Spaß machen, und wieso soll man sich nicht seine Lieblingsdinge erlauben – ob nun Lego oder ab und an die Tüte Chips.

Gewinnspiel: Ich brauch weniger – 2016 Edition

Es ist wieder mal so weit – mein Gelber Sack war voll und mußte gehen. Für immer. Nach etwas mehr als einem Jahr hatten wir uns auseinandergelebt. Um genau zu sein, hatte zunächst der Gelbe Sack sich selbst auseinandergelebt. Denn er war zum Schluß etwas dünnhäutig und brauchte einen zweiten Überzug, um es sicher zum Gelben-Sack-Sammelpunkt zu schaffen. Ich sagte leise Servus, bevor die Müllabfuhr laut um die Ecke gebogen kam und den Gelben Sack mitnahm. In die Schweiz wahrscheinlich, wo der Großteil des Konstanzer Mülls verbrannt wird. Ich hätte also Ade sagen sollen. Und merci natürlich.

Das isser
Das isser

Nachdem mein letzter Gelber Sack nach zehn Monaten gefüllt war, konnte ich meinen Plastikmüll nun also noch etwas weiter reduzieren. Das freut mich sehr. Und auch wenn es gegenüber Bea Johnson und Lauren Singer so aussieht, als hätte ich ein krasses Müllproblem (und wer weiß, vielleicht kann man es auch als solches bezeichnen), freue ich mich, dass ich mich von einem Gelben Sack pro Monat (vor meinem plastikfreien Leben) auf einen Gelben Sack pro Jahr verbessern konnte.

Müll, dechiffriert

Was ist denn noch so drin im Gelben Sack, wenn man plastikfrei lebt? Nun, eine ganze Menge. Ich teile die Sachen mal in vier Kategorien ein:

  • Erstens wären da die Plastik-Altlasten. Ich bin erstaunt, wieviele Sachen ich teilweise erst mehr als zwei Jahre nach Beginn meines plastikfreien Lebens aufgebraucht habe – Lippenpflegestifte zum Beispiel. Und es sind immer noch welche da.
  • Zweitens kaufe ich selbst auch immer noch neues Plastik, jaja! Am meisten Müll produziere ich in meiner Eigenschaft als Kontaktlinsenträgerin. Die Flaschen für die Aufbewahrungslösung, die Kontaktlinsenverpackungen und die Kontaktlinsen selbst ergeben ein hübsches Häufchen.
  • Drittens bekomme ich Plastik auch geschenkt. Und zwar vor allem von einer Person, meiner Mutter nämlich. Sie versorgt mich bei jedem Besuch und bei jedem Geschenkeanlass mit Pralinenschachteln. Das tragische daran: Ich esse sie dann auch. Und muß die leeren Plastikschuber entsorgen.
  • Und viertens sind neben Plastik natürlich auch Wertstoffe im Gelben Sack: Schraubglasdeckel etwa und die ein oder andere Konservendose, auch wenn ich diese zu vermeiden versuche.

In jedem Fall gilt: Neuer Gelber Sack, neues Glück. Mal sehen, wie lang diesmal meine Lebensabschnittspartnerschaft mit dem guten Stück dauert.

Tataaa: Das Gewinnspiel

Und wie sieht es bei Euch aus? Um Mißverständnissen gleich mal vorzubeugen: Alles kann, nichts muß. Während ich Euch keinesfalls davon abbringen möchte, Euch beim Plastikvermeiden hohe Ziele zu stecken, so sage ich doch immer: Jedes vermiedene Stück Plastik hilft. Den einen fällt es leichter, auf Plastik zu verzichten, bei anderen ist es schwieriger – Familien zum Beispiel, oder Menschen mit Gummientenfetisch.

Schreibt doch unter dem Betreff „Ich brauch weniger“ in einer Mail an info*monomeer.de ein paar Zeilen darüber, was Eure Ziele fürs Plastikvermeiden sind oder was Ihr schon erreicht habt. Eine Auswahl der Einsendungen wird zusammen mit Eurem Vornamen an dieser Stelle veröffentlicht. Unter allen Teilnehmenden werden 3 monomeer-Gutscheine à 50 Euro verlost. Einsendeschluß ist der 5. Mai 2016.

Von der Schönheit des Teilens

Denken wir an unsere Kindheit zurück, so hieß eine unserer wenigen auszuführenden Aufgaben: Teilen. Unsere Eltern legten großen Wert darauf, uns zu vermitteln, dass die Sandkastenförmchen und der Roller auch von anderen einmal benutzt werden durften, und das obwohl sie doch eigentlich uns gehörten. Alle in der DDR Aufgewachsenen werden sich zudem an die Geschichte von Ernst Thälmann erinnern, der seine Laufbahn als Arbeiterführer damit begann, dass er in der Schule seine Schnitten mit sozial schlechter gestellten MitschülerInnen teilte. Mit dem Effekt, dass er sie dann nicht einmal wiederbekam.

Leihstation im Baumarkt
Leihstation im Baumarkt

Vom Wert des Teilens scheint allerdings nicht viel ins Erwachsenendasein hinübergerettet zu werden. Zwar geben wir den Platz im Bus frei, wenn wir meinen, jemand anderes hätte ihn nötiger, auch versuchen wir, im Schwimmbad nicht allzu viel Platz einzunehmen, und wir beschweren uns nicht, wenn im Café die Zeitung im Beschlag eines anderen Gastes ist – das heißt, wir sind sehr wohl imstande, zu teilen. Geht es aber um Güter, die uns nicht von der öffentlichen Hand oder wohlmeinenden Cafehausbetreibern zur Verfügung gestellt werden, sondern um all jene Dinge, die wir zu Hause haben, ist Teilen weitaus weniger üblich.

Eigentlich hätten wir gern alles für uns

Schon im Kindesalter stellten wir fest: Teilen fällt schwer. Wir hätten einfach gern alles für uns. Ohne dass wir jemanden um etwas bitten müßten, und ohne dass uns jemand um etwas bittet. Wir hätten gern viel Besitz, und wir wären gern mit unserem Besitz allein. Zu teilen erweckt vor allem aus Nehmerperspektive den Eindruck von Armut oder übertriebener Sparsamkeit. Es ist uns unangenehm, um etwas zu bitten. Als Geber dagegen steht man bald der Frage gegenüber, wann das Geteilte eigentlich zurückgebracht wird, in welchem Zustand dies geschieht und was um Himmels Willen ist, wenn man das Verliehene, obwohl es im vergangenen Jahr nur im Keller gestanden hat, urplötzlich selber gebrauchen könnte.

Kurzum, Teilen ist nicht zuverlässig. Es verkompliziert die Art und Weise, wie wir Gegenstände benutzen. Denn Leihgut ist nicht unbedingt immer sofort griffbereit. Es setzt soziale Interaktion voraus. Wir müssen uns vielleicht erst die Bedienungsanleitung durchlesen. Und es könnte kaputtgehen. In seiner Unberechenbarkeit ist Teilen daher ein Stresstest für unser optimiertes Leben: Wir sind es gewohnt, Dinge sofort greifbar zu haben und sie jederzeit einsetzen zu können. Teilen dagegen stellt sich unserer durchgetakteten To-do-Liste mit mehreren Hürden in den Weg.

Etwas selbst zu besitzen ist einfacher. Wir müssen uns keine Gedanken darüber machen, wann wir etwas zurückgeben müssen, ob wir es richtig saubergemacht haben und ob etwas verleihen womöglich heißt, dass der andere nun auch von uns etwas ausleihen möchte. Eigener Besitz ist auch deshalb schön, weil er uns zeigt, warum wir uns jeden Tag von 9 bis 5 durch einen Job quälen. Wofür gehen wir arbeiten, wenn nicht für das Auto, die Brotbackmaschine oder den Fotoapparat? Und wie sollen wir uns über diese Dinge freuen, wenn sie jemand anderem gehören, wir sie aber nur ab und zu mal anfassen dürfen? Mit unserem eigenen Besitz – jede/r von uns hat etwa 10.000 Gegenstände zu Hause – sind wir emotional verbunden, mit dem anderer Leute nun mal nicht.

Teilen setzt das Grundgesetz des Kapitalismus außer Kraft

Teilen widerspricht grundsätzlich dem Akt des Shoppens. Es setzt einen echten Bedarf an etwas voraus, während Shoppen lediglich ein Erwerb nach dem Lust- und Belohnungsprinzip ist und die anschließende Benutzung des erworbenen Gegenstandes nicht einmal unbedingt einschließt. Der geteilte Gegenstand wird auch in den seltensten Fällen die Lust auf neue Gadgets und 4.0-Versionen befriedigen können, denn wer würde schon sein neuestes iPhone 6 oder seinen Sportwagen verleihen? Teilen steht der Konsumkultur damit diametral gegenüber und setzt das Grundgesetz des Kapitalismus außer Kraft: Kaufen um des Kaufens Willen.

Sticker der Verleih-Initiative Pumpipumpe am Briefkasten
Sticker der Verleih-Initiative Pumpipumpe am Briefkasten

Trotz aller Schwierigkeiten, die das Teilen mit sich bringt, hat es in den letzten Jahren einen enormen Aufschwung genommen. Ob übriggebliebenes Essen, das Auto oder das Haus – man kann inzwischen fast alles teilen. Die Vorteile liegen auf der Hand: Zunächst einmal ist Teilen gelebter Umweltschutz. Wofür als Neuware keine Nachfrage besteht, das wird auch nicht hergestellt. Ressourcen werden eingespart, es muß am Ende weniger entsorgt werden. Zweitens ist Teilen trotz der ein oder anderen Hürde auf dem Weg zum gewünschten Gegenstand ungemein alltagserleichternd, denn was man nicht besitzt, muß man auch nicht putzen, reparieren, lagern und schließlich entsorgen. Weniger Besitz bedeutet mehr Freiheit und mehr Lebensqualität – Minimalismus nennt man das auch. Drittens ist Teilen ein sozialer Akt und bringt entsprechend Pep in jede Gesellschaft, außerdem demokratisiert es den Zugang von Menschen zu Waren. Viertens spart Teilen sehr viel Geld. Oft fällt, wenn überhaupt, nur eine Leihgebühr an, die Anschaffungs-, Wartungs- und Entsorgungskosten entfallen jedoch. Dies läßt sich vom kleinen Maßstab des Vierpersonenhaushalts auch auf ganze Volkswirtschaften übertragen, denn in der Vollkostenrechnung, die Umweltschäden, Ressourcenausbeutung und die soziale Frage mit einrechnet, schlägt jedes hergestellte Produkt zu Buche, jedes nicht hergestellte entsprechend nicht.

Teilen macht nicht die Wirtschaft kaputt

Hinsichtlich der ökonomischen Bilanz des Teilens gibt es natürlich auch Gegenstimmen. Wenn wir keine Bohrmaschinen mehr kaufen, was wird dann aus den Jobs in den Bohrmaschinenfabriken? Und was wird aus der deutschen Autoindustrie, wenn alle sich ein Auto leihen, statt sich eins anzuschaffen? Nun, zum einen sind wir weit davon entfernt, dass nichts mehr gekauft wird. Obi und MediaMarkt konnten allen derzeitigen Informationen zufolge noch keine Kundenschwund aufgrund des Phänomens „Teilen“ verzeichnen. Bei der Autoindustrie hat carsharing allem Anschein nach sogar zu einer Rückbesinnung vieler autoloser Großstädter zum eigenen Fahrzeug geführt – es ist halt doch zu schön, den fahrbaren Untersatz direkt vor der Haustür stehen zu haben. Außerdem wird davon ausgegangen, dass Teilen letztendlich Arbeitsplätze schafft, etwa wenn eine Ausleihstation eröffnet wird und dort jemand hinter der Theke steht.

Auch Obstbäume kann man teilen - diese Äpfel hier stammen von öffentlichen Bäumen am Straßenrand
Auch Obstbäume kann man teilen – die Äpfel stammen von öffentlichen Bäumen am Straßenrand

Fest steht aber, dass nicht automatisch jede Variante der Sharing Economy eine gute Sache ist. Vom ursprünglichen Ansatz, die traditionelle Wirtschaft durch die informelle Wirtschaft des Teilens zu entmonopolisieren, haben sich Anbieter wie AirBnB, Uber und DriveNow weit entfernt – schon allein deshalb, weil es sich weniger um ein Sharing- als um ein Mietkonzept handelt. Geld wird jetzt einfach mit der Teilfreudigkeit der User gemacht, ansonsten fließt der Profit wie gehabt an einen Konzern. „Plattform-Kapitalismus“ nennt das Sascha Lobo.

Teilen ist dann am sinnvollsten, wenn es im Rahmen lokaler Initiativen geschieht

Eine wirklich sinnvolle Struktur für das Teilen besteht der US-amerikanischen Anwältin und Sharing-Verfechterin Janelle Orsi zufolge daher auch nicht in riesigen kommerziellen Plattformen, sondern in lokalen Initiativen, die sich selbst organisieren. So können Sharing-Aktivitäten multipliziert werden, ohne dass die Wertschöpfung die Gemeinden verläßt.

Und wir? Sollten einfach mal ein bißchen mehr teilen. Der Gründer der US-Verschenkbörse yerdle schlägt zum Beispiel vor, vor dem nächsten Kauf drei Freunde und Bekannte anzurufen und zu fragen, ob sie den gewünschten Gegenstand nicht zufällig besitzen – und ihn verleihen würden. Mit großer Wahrscheinlichkeit werden sie ja sagen.

Weitere Informationen zum Thema Teilen:

https://www.zeit.de/2014/43/sharing-economy-kapitalismus-wettbewerb – Artikel über die Sharing Economy als neue Spielart des Kapitalismus

https://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/sascha-lobo-sharing-economy-wie-bei-uber-ist-plattform-kapitalismus-a-989584.html – Artikel zum Begriff des Plattform-Kapitalismus

https://storyofstuff.org/podcasts/sharing-part-one/ – Podcast eines Interviews der Initiative „The Story of Stuff“ mit dem yerdle-Mitgründer Adam Werbach (in englischer Sprache)

https://storyofstuff.org/podcasts/sharing-part-two-start-sharing/ – Podcasts eines Interviews der Initiative „The Story of Stuff“ mit der Sharing-Verfechterin Janelle Orsi (in englischer Sprache)

Sharing-Initiativen und -Adressen:

  • Oft gibt es lokale facebook-Gruppen, Give-Boxen und Tauschbörsen, bei denen man als registrierte/r oder unregistrierte/r UserIn Dinge teilen, tauschen und verschenken kann.
  • Die Sticker von Pumpipumpe aus der Schweiz – bei monomeer.de erhältlich – klebt man sich an den Briefkasten. Die Nachbarn wissen aufgrund der abgebildeten Gegenstände, was man verleiht.
  • Online-Plattformen gibt es viele, ob kommerziell oder nicht, mit Leihgebühr oder ohne. https://www.lets-share.de listet viele davon auf und veröffentlicht sogar eine Zeitschrift zum Thema, „share“.

Viel Schaum um nichts – Duschgel als Ausdruck unseres Zeitgeists

Werde ich gefragt, wie man im Alltag am leichtesten Plastikverpackungen vermeiden und den Inhalt seines Plastikmüllbeutels am sichtbarsten reduzieren kann, dann sage ich immer: Ein Seifenstück statt Duschgel! Während das Duschgel in einer voluminösen Hartplastikverpackung kommt, wird Seife entweder gar nicht oder in Papier verpackt. Klarer Sieg nach Punkten für die Seife.

Und zwar nicht nur hinsichtlich des Verpackungsmülls, den sie erzeugt. Seife hat auch weniger Inhaltsstoffe als Duschgel, wodurch der sich waschende Mensch weniger Gefahr läuft, Hautirritationen zu erleiden. Seife beinhaltet kein Mikroplastik – zumindest ist mir das nicht bekannt -, während zahlreiche Duschgele die kleinen Plastikkügelchen mit sich bringen, die unsere Haut geschmeidiger und uns zehn Jahre jünger aussehen lassen sollen, letztlich aber nur unser Abwasser verschmutzen – und unsere Umwelt. Zu guter Letzt, aber nicht zu vernachlässigen: Seife kann in der Reisetasche nicht auslaufen.

Seife spielt bei der Körperpflege keine Rolle mehr

Trotz dieser auf der Hand liegenden Vorteile des Seifenstücks sind viele Menschen ganz erstaunt, dass man auch mit Seife duschen kann. Ganz als gäbe es ein Gesetz zur funktionalen Trennung von Körperpflegemitteln, wird das Duschen dem Duschgel vorbehalten, während Seife … nun ja … irgendwie mit Katzenwäsche assoziiert wird. Seife spielt bei der täglichen Pflegeroutine kaum noch eine Rolle. Die viele Jahrhunderte lang währende Erfolgsgeschichte der Seife in Hygiene und Körperpflege scheint beinahe in Vergessenheit geraten zu sein.

Mangels Duschgels war es nämlich schon im alten Ägypten eine Seife, die als heilig galt und mit der man ganze Tempel, Kleidung, Möbel, und ja, auch den Körper wusch, um von der nicht nur physischen, sondern auch von einer angenommenen spirituellen Kraft der Seife zu profitieren. Priester tranken die Seife, die aus Natron bestand, bisweilen sogar.[1]

Zur Hochburg der Seifenverwendung und -herstellung wurde ab dem späten 16. Jahrhundert England, wohin man Seifen nicht nur in hoher Stückzahl importierte,[2] sondern diese dort zunehmend auch selbst herstellte – die Grundlage des nach wie vor hervorragenden Rufs englischer Seifen, etwa der Traditionshersteller Bronnley und Penhaligon’s. Bereits Mitte des 17. Jahrhunderts gehörte Seife in England zu den acht „necessities“, die in jedem Haushalt vorrätig sein sollten.

Geduscht hat man damals jedoch noch nicht. Wenn sich jemand mit Ganzkörperbädern reinigte, dann war das die Oberklasse – und selbst die hatte in diversen Epochen aus Angst vor den möglichen Schäden, die man durch Wasser nehmen könne, nur begrenzt Freude daran. Der gewöhnliche Europäer wusch sich wenn, dann aus Waschschüsseln heraus; lange Zeit galt auch das Wechseln der Unterwäsche – die bei den unteren Klassen natürlich in weit geringerer Stückzahl vorhanden war als etwa beim Adel – als ausreichende Hautpflege.

Zwar hatten schon die alten Griechen das System der Duschen – also des Abbrausens des Körpers mit Wasser – gekannt, aber in der jüngeren Geschichte erreichte es erst im Laufe des 19. Jahrhunderts einen gewissen Status bei einem größeren Teil der Bevölkerung. Seinen Ursprung hat das Duschen der Moderne in Einrichtungen, bei denen man schnell und effektiv Menschen reinigen wollte, etwa um Epidemien vorzubeugen: bei der Armee und in Gefängnissen. Erprobt wurde die Dusche erstmals 1860, und zwar in einem Regiment. Da es nur einen einzigen Brausekopf gab, den sich drei Soldaten gleichzeitig teilen mußten, dauerte es zwei Wochen, bis alle einmal dran gewesen waren. Immerhin wurde der Duschstrahl von einer außenstehenden Person gesteuert, sodaß das Duschen von vornherein mit einem knappen Zeitrahmen versehen und somit auf die einzelne Person gerechnet äußerst effektiv war.[3]

Duschgel ist eine Erfindung der Konsumgesellschaft

Ein Duschgel gab es damals immer noch nicht; erst nach dem Zweiten Weltkrieg war es überhaupt erhältlich. In den 1950er Jahren kam es wie das Deodorant aus den USA zu uns, wobei sich sein Verbrauch aufgrund oft fehlender Badewannen und Duschen sowie des umständlich anzuheizenden Badewassers in Grenzen hielt. Eine ältere Dame, die in den 1960ern als Sekretärin in London arbeitete und täglich den Vorortzug nahm, berichtete mir einmal, dass mit Fortschreiten der Woche die Ausdünstungen der Mitreisenden bisweilen kaum noch auszuhalten waren: Nur am Sonnabend wurde gebadet, und da Deos sich noch nicht durchgesetzt hatten, stieg die Geruchsbelästigung bis zum Freitag kontinuierlich an.

Heute dagegen ist das Bild ein vollkommen anderes. In den Regalen der Supermärkte und Drogeriegeschäfte reiht sich ein Duschgel an das andere. Seifen befinden sich nicht selten im unteren Regalboden, während Duschgele in Augenhöhe präsentiert werden und mit viel poppigeren Farben, irrisierenden Etiketten und fantasievollen Namen aufwarten. Duschgel hat die Seife als Reinigungsmittel abgelöst: „Im Jahr 2014 gab es in der deutschsprachigen Bevölkerung ab 14 Jahre zum Zeitpunkt der Erhebung rund 63,59 Millionen Personen, die in den letzten 7 Tagen Duschzusatz oder Duschgel verwendet hatten.“[4] 63 Millionen – das ist fast jede/r Deutsche, die/der selbständig eine Dusche bedienen kann.

Regal mit Duschgels im Müller Drogeriemarkt
Regal mit Duschgelen im Müller Drogeriemarkt

Warum Duschgel so beliebt ist, müßte einmal in einer Umfrage geklärt werden. Neben der unendlichen Vielfalt an Düften, die Duschgele im Verhältnis zu Seifen haben und die Abwechslung in die tägliche Körperpflege bringen, ist es vielleicht auch die Tatsache, dass Seife in der Seifenschale oder in der Duschablage etwas mehr Reinigungsaufwand erfordert. Abgesehen von praktischen Erwägungen aber scheint das Duschgel fast symptomatisch für eine Reihe von Erscheinungen der Jetztzeit zu sein.

Wir duschen, reinigen und pflegen uns so oft wie nie zuvor. Die meisten von uns duschen täglich, teilweise auch mehrmals; der Wasserverbrauch für das Baden und Duschen ist aktuell so hoch wie noch nie. Die „Lust an der Körperpflege“[5] ist groß und sicher auch ein Zeichen für die Individualisierung. Denn indem wir ständig Körperpflege betreiben, beschäftigen wir uns permanent mit uns selbst: „In gewisser Weise stehen der Körper und die Beobachtung seines Befindens nur stellvertretend für eine ständige Introspektion, für eine dauernde Beschäftigung mit dem Ich (…)“. [6]Das Duschgel ist ein Dienstleister dieser Individualisierung, schon weil die vorhandene Vielfalt in den Regalen ein sorgfältiges Auswählen erfordert. Die Zeit, die wir allein für die Entscheidung benötigen, womit wir uns als nächstes duschen wollen, und die Bedeutung, die wir dadurch diesem eigentlich ganz einfachen Vorgang beimessen, ist absurd.

Wir wollen nicht nur sauber sein, sondern klinisch rein

Unendlich peinlich wäre es uns, wenn jemand unseren Körpergeruch wahrnehmen und denken würde, wir wären ungepflegt. Duschgel leistet da mit seinem im Verhältnis zum Seifenstück unendlich stärkeren Geruch einen treuen Dienst. Indem die künstlichen Duftmoleküle des Duschgels so konstruiert sind, dass sie auch lange nach dem Duschen auf der Haut haften und wahrnehmbar sind, teilen wir uns und unserer Umwelt mit, dass wir geduscht haben und sauber sind. Tatsächlich ist die Toleranz für starke Gerüche Studien zufolge in den wohlhabenden Ländern immer weiter gesunken.[7] „Es kommt ein Zivilisationsprozeß in Gang, der zu einer ständigen Verfeinerung und Differenzierung des Empfindens führt.“[8]

 

Duschgel glänzt und glitzert und verspricht so einige Nebeneffekte. Notfalls zaubert es.
Duschgel glänzt und glitzert und verspricht so einige Nebeneffekte. Notfalls zaubert es.

Mit Duschgel haben wir – auch wegen des starken Duftes – eher den Eindruck, wirklich sauber zu sein. Denn Duschgel schäumt stärker und fließt, wie in so mancher TV-Werbung bildmächtig eingefangen, in sahnigen Häufchen den ganzen Körper hinab. Die im Duschgel verarbeiteten Zusatzstoffe machen uns nicht wirklich sauberer – aber sie geben uns das Gefühl, sauberer zu sein. Das Benutzen von Duschgel ist in gewisser Weise ein Über-Reinigen. Wir wollen uns nicht mehr nur waschen, sondern am besten desinfizieren und klinisch rein sein. Vom Grundgedanken her ist Duschgel nicht allzu weit von Sagrotan entfernt. Interessanterweise wurde zuerst in Deutschland das Phänomen beobachtet, dass ausgerechnet jene Kinder vermehrt mit Allergien und Autoimmunkrankheiten zu kämpfen haben, in deren Umfeld auf peinliche Sauberkeit geachtet wird, die kaum mit Schmutz in Berührung kommen und die nie einen Bauernhof von innen gesehen haben.[9]

Selbstkontrolle und Selbstoptimierung durch Duschgel

So ist Duschgel im Bereich der Körperpflege die Möglichkeit zur Selbstkontrolle und zur Selbstoptimierung[10], es ist eine „aesthetic form of self control“. [11] Wir kontrollieren unsere Wirkung nach außen – und sind gleichzeitig extrem effektiv bei der Körperpflege. Duschgel kommt gebrauchsfertig aus der Flasche und enthält meist noch ein paar Zusatzfunktionen für weiche Haut, gegen Cellulite und Hautalterung, für die Duchblutungsförderung oder für die besondere Pflege nach dem Sport. Duschgel kann vieles auf einmal und hilft uns dadurch, auch die Körperpflege noch zu optimieren. Der Trend geht schon lange hin „zum gesunden, nützlichen, leistungsfähigen Körper“[12], und den erhalten wir nun mal auch mit der richtigen Körperpflege.

Das Duschgel ist ein Ersatz für das Spa-Wochenende

Dabei soll Schönheitspflege ja stets auch zur Entspannung beitragen und eine Belohnung für unseren immer härter werdenden Arbeitsalltag sein. Das Duschgel mit Kaschmir oder mit Perlenextrakt ist da natürlich eher Balsam für die Seele als die Seife mit Latschenkiefer. Das Duschen befindet sich schon allein zeitlich in enger Nähe zu dem, was uns streßt und Sorgen bereitet. Wir duschen am Morgen vor der Arbeit, nachdem wir uns mühsam aus dem Bett geschält haben und uns ohne Dusche gar nicht „wie ein Mensch“ fühlen. Oder wir duschen nach der (körperlichen) Arbeit, und wollen die Anspannung förmlich wegspülen.

Duschgel kann jede Stimmung, sogar glamourös.
Duschgel kann jede Stimmung, sogar glamourös.

Duschen ist eng mit unserem modernen Arbeitsleben verknüpft. Und gerade für jene, die keine Badewanne zu Hause haben, in der sie genüßlich in Schaumbergen planschen können, und die es sich nicht leisten können, ins Wellnesswochenende oder in den Spa-Aufenthalt zu fahren, erhält Duschgel eine wichtige Rolle: In den 15 Minuten, in denen wir im Alltag kuschlige Wärme und Wohlbefinden spüren – nämlich unter der Dusche – wollen wir für uns das beste rausholen. Mit einem exotischen Duft, einer cremigen Konsistenz und vielleicht mit dem Gefühl, gerade unter einem karibischen Wasserfall zu stehen.

Auch dazu noch ein Wort. Wasser hat für uns – ganz zu Recht – eine enorme Bedeutung. Seine Wirkung auf uns ist uns so wichtig, dass es uns, aus der Leitung kommend, nicht sauber genug erscheint und wir auf Flaschenwasser zurückgreifen. Gleichzeitig ist uns die Verschmutzung, die wir durch unsere Duschgele und die darin befindlichen Tenside, Farb- und Duftstoffe mitverantworten, vollkommen egal.[13]

Mit Seife, vor allem wenn sie aus biologisch angebauten Inhaltsstoffen besteht, kann das nicht passieren. Schöne Düfte, Formen und Farben gibt’s auch. Fazit: Seife statt Duschgel!

___________

Link zur BUND-Liste von Kosmetikartikeln, die Mikroplastik enthalten:

https://www.bund.net/fileadmin/bundnet/pdfs/meere/131119_bund_meeresschutz_mikroplastik_produktliste.pdf

___________

[1] Virginia Smith: Clean. A History of Personal Hygiene and Purity. Oxford 2007, S. 56.

[2] Ebda., S. 192.

[3] Georges Vigarello: Wasser und Seife, Puder und Parfüm. Geschichte der Körperhygiene seit dem Mittelalter. Frankfurt am Main u.a. 1988, S. 261.

[4] statista.com

[5] Vigarello, S. 267.

[6] Wolfgang Kaschuba: „Deutsche Sauberkeit“ – Zivilisierung der Körper und der Köpfe, in Vigarello, S. 292-326, hier S. 315.

[7] Smith, S. 15.

[8] Vigarello, S. 267.

[9] Smith, S. 349.

[10] Vigarello, S. 267.

[11] Smith, S. 345.

[12] Kaschuba, S. 312.

[13] Smith, S. 346.

Shop  Impressum  Datenschutz  AGB